Archiv der Kategorie: K.B.M.

Das Ende ist nah…

von Lino

Wir sitzen im Bus. Das ist ja an und für sich nichts Ungewöhnliches, gerade wenn man bedenkt, dass wir unsere letzten beiden Länder auf dieser Tournee, Argentinien und Brasilien, von Anfang an nur per Bus bereisen wollten. Was diese Busfahrt so besonders macht, ist, dass es keine Fahrt ist. Wir stehen bereits seit etwa 2 Stunden auf der Straße zwischen Curitiba und Blumenau. In einem Stau. Anscheinend gab es gleich zwei Unfälle und daher ist die Straße ziemlich verstopft, was sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern wird. Die anderen Fahrgäste und wir stehen dem aber relativ entspannt gegenüber, und wir haben bereits einen Professor für Antroposophie, Quantenmechanik und Pädagogik kennengelernt. Und während unsereins in den Büchern ließt, was Augusto Boal damals so gemacht hat, hat Jakob mit ihm auf den Straßen zusammen gegen die Militärjunta Theater gespielt. So ein Stau kann also auch sehr inspirierend sein, und daher nutze ich die Zeit, euch endlich mal wieder auf den neusten Stand zu bringen. Das letzte Mal, als ihr von uns gelesen habt, waren wir gerade in Villa General Belgrano angekommen, einer weiteren ehemaligen deutschen Kolonie in Argentinien. Und während in der Colonia Tovar in Venezuela noch ein mehr oder weniger einheitliches Bild badischer Volkskultur geboten wurde, war Belgrano ein buntes Konglomerat alpenländischer und mitteldeutscher Einflüsse. In der deutschen Schule spielten wir K.B.M. und gaben zwei Fortbildungen. K.B.M. ist schon etwas Besonderes. Nicht jede Schule hat ja einen Theatersaal, aber wir haben das Stück so konzipiert, dass wir es praktisch überall spielen können, solange wir einen, für die Kinder nicht einsehbaren, Backstage-Raum haben. Das stellt uns als SchauspielerInnen allerdings auch immer wieder vor Herausforderungen, denn meist kommen wir in einer Schule an, sehen den Auftrittsort zum ersten Mal und stehen eine Stunde später bereits auf der „Bühne“ vor 100 GrundschülerInnen. In Belgrano war es diesmal eine Turnhalle, mit 2 Türen in der hinteren Wand. Hinter einer war unser Backstageraum, von dem aus wir als kleine bunte Männchen auftauchen und auch wieder verschwinden. Leider sah die 2. Tür daneben ganz genauso aus wie die erste, war allerdings abgesperrt. Mein Charakter betritt normalerweise die Bühne, jagt Alex und den Kindern einen gehörigen Schreck ein, repariert eine zerbrochene Klarinette, singt ein Lied und verschwindet wieder. Diesmal habe ich absolut nicht verstanden, wer zum Kreuzgeier unsere Backstagetür zugesperrt hat, während ich auf der Bühne war. Etwa 30 Sekunden versuchte ich verzweifelt von der Bühne zu verschwinden, bis ich merkte, dass ich die ganze Zeit an der falschen Tür rüttelte. Meggi, die als zweite rauskommt, erging es ebenso, allerdings hat sie es geschafft, gleich die Klinke von der Tür abzureißen. Nur Anne war genügend vorgewarnt, und absolvierte souverän ihren Auf- und vor allem Abtritt. Nachdem wir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten, ging es weiter nach Córdoba.Carlos

Dieses Städtchen mag den meisten nicht viel sagen, einer gewissen Gruppe von FußballanhängerInnen deutscher und österreichischer Herkunft jedoch bedeutet es überraschend viel. Die einen verbinden mit ihm den größten Sieg seit die Römer zurück über die Alpen getrieben wurden, die anderen, naja, sagen wir es so: „Das Wunder von Córdoba“ ist ein Film, der erst noch gedreht werden müsste. Wir empfanden die Stadt als überraschend schön. Nachdem wir unsere K.B.M.-Show und die Fortbildung für die LehrerInnen dort an der deutschen Schule gehalten hatten, lernten wir viele andere ImprospielerInnen kennen, besuchten ein Match de Impro und viele schöne Bars. Und während Alex die Gunst der Stunde nutzte, um mal eben kurz zurück nach Buenos Aires und zu seiner Rhythmik-Gruppe zu fahren, bestiegen wir einen Nachtbus, der uns nach Capiovi bringen sollte, einem sympathischen und verschlafenen Nest mitten in Misiones, der nordöstlichsten Region Argentiniens, direkt an der Grenze zu Brasilien und Paraguay. Dort war unser Hauptquartier für die nächsten Tage, denn sowohl in Capiovi als auch in Jardin America und Puerto Rico, 2 Städtchen wenige Kilometer entfernt, waren wir für Impro-Shows an Schulen gebucht.

CapioviDen Beginn machte die EPET Schule in Jardin America mit einer improvisierten Freiluftbühne auf dem Pausenhof. Der angereiste Tontechniker hatte für den Soundcheck seine eigene Reggaeton-Musik dabei und so entschieden wir uns kurzerhand, unsere Einlaufmusik ein wenig zu ändern. Am nächsten Tag hatten wir eine Show direkt in Capiovi, in einer sehr schönen und alten Gemeindehalle, die noch von deutschen Auswanderern in den 20er Jahren gebaut wurde. Bei dem Dia-Show-Spiel wurde Anne dann plötzlich zu Expertin eines lokalen Kartenspiels, das sie den SchülerInnen auf deren Wunsch erklärte. Nach dem Auftritt stellten wir alle überraschenderweise fest, dass sie tatsächlich die richtigen Regeln herbei improvisiert hatte, ohne jemals von dem Spiel gehört zu haben. Impro mit Gedankenlesen, jetzt neu von artig! Die letzte Show spielten wir dann in Puerto Rico, in einem wunderschönen alten Kinosaal. Nicht nur SchülerInnen waren im Publikum, sondern auch Einheimische aus der Stadt, von Kleinkind bis PensionistIn. Und nach dem das Publikum als Inspiration einer Alltagshandlung das Zubereiten eines Mates gewählt hatte und wir anfingen eine Szene zu improvisieren, in der ich nur durch einen Mate von einer schweren Infektion durch einen Gorilla-Käfer geheilt werden konnte, stand plötzlich ein Herr mit einem frisch zubereiteten Mate vor dem Bühnenrand und hielt ihn uns mit einem breiten Grinsen entgegen. Warum passiert sowas eigentlich nicht in Wien, wenn wir mal mit einem G`spritzten improvisieren?

Jardin America

Capiovi

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Danach führte uns unsere Tour nach Posadas, der Hauptstadt des Bezirkes Misiones, wo wir am Instituto Gutenberg gleich zwei Auftritte hintereinander hatten, morgens K.B.M., und nachmittags „artige Geschichten“. Den Abschluss bildete dann eine tolle und ausführliche Fortbildung mit TeilnehmerInnen aus Argentinien und Paraguay. Bevor wir Posadas den Rücken kehrten, wurden wir noch von allen Kulturweit-Mädels, die wir in Misiones kennengelernt hatten, zu einem tollen Chilli-Essen eingeladen. Ein riesiges Dankeschön an dieser Stelle nochmal dafür!

KBM

artige Geschichten

Fortbildung

Nachdem wir in dieser Woche so viel kreative Arbeit geleistet hatten, wollten wir uns endlich auch mal wieder selber kreative Arbeit bewundern. Und was gibt es Eindrucksvolleres, als wenn die Natur selbst kreative Arbeit leistet. Zum Beispiel die Iguazu Wasserfälle; ein brodelnder Hexenkessel aus über 20 Wasserfällen, die sowohl eine brasilianische als auch argentinische Seite haben, die man bewundern kann. So verbrachten wir drei entspannte Tage in einem sehr netten Hostel mit einem Haufen lustiger Backpacker, entspannten uns ein wenig, und ließen uns von der Urgewalt der Wassermassen den Atem verschlagen!

Iguazu

Iguazu

Und nun sind wir auch arbeitstechnisch in Brasilien angekommen, unserem letzten Land, das wir bereisen. Während ich dies schreibe, sind wir dem anfangs erwähnten Stau bereits entkommen und wohlbehalten in Blumenau angekommen. Im Gegensatz zu den anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die wir bereits besucht hatten, sprechen hier auch noch überraschend viele junge Menschen Deutsch. Aber da die Landessprache natürlich Portugiesisch ist, hatte Alex gestern seinen ersten Auftritt als Carlos, der mit den Kindern auf Portugiesisch spricht. Abgesehen von einigen Kicheranfällen, die wir drei anderen Backstage hatten, weil sich diese Sprache einfach wirklich knuddelig anhört, gerade wenn ein paranoider Musiker von bunten Männchen redet, die ihn verfolgen, lief die erste K.B.M.-Show in Brasilien wirklich gut. Alex ist übrigens der Einzige von uns, der halbwegs flüssig Portugiesisch spricht. Aber während Anne die Sprache wenigstens verstehen und ein wenig sprechen kann, Meggi einfach auf Rumänisch mit meidlinger Akzent umschaltet und so tut als wäre es Portugiesisch, bin ich hier wirklich aufgeschmissen. Aber was im Alltag nicht funktioniert, klappt auf der Bühne perfekt: unsere zwei letzten Improshow, in der wir auch auf Portugiesisch gespielt haben, endeten mit Standing Ovations!

Standing Ovations

artige Geschichten

Brasilien, wir sind da!

Hasta luego bzw. até logo!

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Drei Länder, drei Männchen und alles ist eins!

Von Lino

Entschuldigung. Nein, wirklich, ich entschuldige mich sehr. Über zwei Wochen wartet ihr bereits, jeden Tag schaut ihr hoffnungsvoll auf unseren Blog, um doch wieder und wieder enttäuscht zu werden. Aber jetzt ist es soweit, wirklich und endlich: Welcome to the zona cafetera! Äh, und Venezuela. Und, äh, also auch irgendwie Peru… Oh Mann, es ist wirklich viel passiert, seit dem letzten Eintrag. Also der Reihe nach:

Das Letzte, was ihr von uns wisst ist, das Alex, Meggi und ich in die zona cafetera fahren wollten, während Anne mit einem alten Bekannten die Karibikküste bereiste. Der Grund waren die Osterferien, in denen es für uns keine Arbeit gab. Während Anne also das Meer besuchte, fuhren wir anderen drei durch die wunderschöne Hügellandschaft Kolumbiens in die Kaffeeanbaugebiete, um mal eine Woche etwas auszuspannen. Unser Ziel hieß Salento, ein kleines Dörfchen umgeben von grünen Bergen und Palmen. Diesen Tipp hatten wir aus dem Lonely Planet, ein, wie es dort hieß, „abgeschiedenes ruhiges Dörfchen, in dem man/frau schlafen wird, wie ein Baby.“ Der Lonely Planet war allerdings von 2008 und mittlerweile hatte sich dieses „Dörfchen“ in der internationalen Backpacker-Szene bereits ziemlich rumgesprochen. Bereits bei unserer Ankunft schlug uns ein babylonisches Sprachgewitter entgegen und mehr Dreadlocks, Batikhosen und Fussknöchel-Bänder als an einem warmen Sommertag vor der BOKU wanderten die Straßen lang. Nachdem wir aber nun einen Monat lang hauptsächlich mit  Grundschulkindern und SprachlehrerInnen zu tun hatten, war diese Erfahrung mal was ganz anderes. Was ganz anderes war auch unsere Unterbringung in  der ersten Nacht. Da irgendwer unsere Reservierung im Hostel storniert hatte, wurden wir von der resoluten Herbergsmutter kurzerhand in der Garage untergebracht. Die erste Nacht in Salento verbrachten wir also ohne Fenster, getrennt von der Straße nur durch ein metallenes Garagentor und mit einer Holztür neben einem Bett, hinter der sich ein schwarzer und vermutlich endlos langer gruseliger Tunnel verbarg. Am darauffolgenden Tag fanden wir ein anderes Zimmer in einem weitaus schöneren Hostel und von da an hatten wir wirklich URLAUB! Und was macht man/frau im Urlaub? Ein Tagesprogramm von 8 Uhr morgens bis spät abends! Erster Tag: Besuch einer Kaffeeplantage, wo wir den Unterschied zwischen platanos-Bäumen und banano-Bäumen gelernt haben. Zweiter Tag: eine 7 Stunden Wanderung durch ein Naturreservat mit über 1000 Meter Höhenunterschied, Kolibris und viel aquapanela und Käse. Dritter Tag: ein Reitausflug. Ja, auf Pferden, und ja, die waren lebendig. Meggis Pferd sogar ein bisschen zu sehr, aber das kann sie ruhig auf private Anfrage erklären. Alles in allem eine erholsame Woche, die uns wirklich Lust und Kraft gegeben hat, uns frisch in die nächste Arbeitswochen zu stürzen.

Zona Cafetera

Kolibriberg

Pferde

Venezuela stand auf dem Programm. Sozialismus, Chavez und Erdöl. Ein Land, in dem eine Flasche Wasser doppelt so viel kostet wie ein voller Benzintank. Zuerst flogen wir nach Caracas und fuhren anschließend nach Valencia, einer größeren Stadt etwa 2 Stunden von Caracas entfernt. Dort fortbildeten und spielten wir am Colegio La Esperanza, einer kleinen, aber unglaublich sympathischen Schule. Untergebracht waren wir bei Gertrud und Toni, einem österreichischen Auswanderer-Ehepaar. Neben einer tollen Verpflegung gab es dort noch quakende Miniaturfrösche, Reiki-Behandlungen, Rückenmassagen, zelluläre Energieerneuerungen, Auspendelungen und Lichtreisen in einem Zelt. Ganz artig wurde energetisch dermaßen aufgeladen, dass wir bei unserer K.B.M.-Show von Lichtwesen umringt waren. Fotobeweis liegt vor! Danach ging es, mit einem kurzen Zwischenstopp in Chichereviche, zurück nach Caracas, wo wir am Goethe-Institut mit einer weiteren Fortbildung vertreten waren. Gleich darauf stiegen wir wieder ins Auto und fuhren in die Colonia Tovar, einer ehemaligen deutschen Kolonie. Man muss sich ein kleines Dörfchen im Schwarzwald vorstellen, komplett mit Fachwerkhäuschen und bunt gemalten Schildern, nur halt eben mitten in den venezolanischen Bergen. Ein Kulturschock im Kulturschock sozusagen. Und so wurden wir nach unserer K.B.M.-Aufführung im Gemeindesaal auch gleich von einer traditionellen Tanzgruppe aufgefordert, alte badische Volkstänze zu tanzen. Es war ein Fest, und für mich als Norddeutschen ist diese Kultur ja nicht weniger exotisch als Lateinamerika oder Fernostasien. Neben unserer künstlerischen Tätigkeit genossen wir noch ein exzellentes Essen im Restaurant Selva Negra und ein Photoshooting in Dirndl und Lederhosen. Beängstigender Weise stand die Tracht Alex dermaßen gut, das wir alle der Meinung sind, er sollte auf Volksmusiker umschulen und die Rhythmik an den Nagel hängen. Um 2 Uhr nachts klingelte dann der Wecker und ein Jeep hielt vor der Tür. Wir mussten zum Flughafen Caracas fahren, denn unser Flieger nach Bogota ging bereits um 7 Uhr morgens. Nach 5 Stunden Aufenhalt am Flughafen El Dorado, den wir mittlerweile ziemlich gut kannten, stiegen wir dann in eine geräumige Avianca-Maschine nach Lima.DSC07394

Und hier sitzen wir jetzt, in Lima, Miraflores, in Peru. Die erste K.B.M.-Aufführung haben wir bereits hinter uns, am Colegio Santa Cruz, einer Schule des Dominikaner-Ordens, der neben unserem Auftritt auch gleich noch die Ehre zuteil wurde, eine PASCH-Schule zu werden. Dementsprechend schön war die Stimmung, und als die Nonnen erfuhren, das Meggi mit vollem Namen Magdalena heißt, wollten sie uns gar nicht mehr gehen lassen. Ebenso wie die Kinder, die nach der Aufführung kurzerhand den improvisierten Backstage-Raum stürmten und Carlos und die kleinen bunten Männchen effektiv daran hinderten, wieder zu Alex, Anne, Meggi und Lino zu werden. Das ist einfach das schöne an Kindertheater, so ein unmittelbares und ehrliches Feedback bekommt man nirgendwo sonst. Die kommende Woche ist gefüllt mir K.B.M-Auftritten, Impro-Shows und Fortbildungen, bis es dann weiter-, oder besser zurückgeht nach Argentinien. Doch bis dahin bekommt ihr noch mindestens einen neuen Blogeintrag. Versprochen 🙂DSC07588

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Hasta luego!

Kaffee und Gold – Na, wo sind wir wohl gerade?

Von Lino

„Hey, es regnet!“ Wie oft wir diesen Satz in den letzten anderthalb Wochen gesagt haben, lässt sich sicher nicht mehr zählen. Willkommen in Kolumbien, liebe LeserInnenschaft. Macht euch bereit auf eine feucht-fröhlich-fiebrige Reise mit uns durch das Land des Goldes und Kaffees!Colombia

Begonnen hat alles vor etwas mehr als einer Woche, als wir Mexiko-Stadt den Rücken kehrten und uns in den Flieger nach Bogotá, Kolumbien gesetzt haben, von wo aus es gleich weiter nach Medellín ging. So hätte es zumindest sein sollen. Dachten wir. Falsch gedacht. Unseren letzten Abend in Mexiko wollten wir nämlich wirklich noch etwas genießen, vor allem da Meggi auf Grund den bereits beschrieben Rachegelüsten eines ehemaligen Aztekenkönigs die meiste Zeit darniederlag und ich meine alten Zivildienst-Skills wieder auspacken durfte.  Also wenigstens an unserem letzten Abend noch etwas feiern und  uns mit den üblichen Verdächtigen des Kongresses in einer netten Bar unweit unserer Hotels verabreden. Dort gab es sehr leckeren pulque zu trinken, einen fermentierten Agavensaft. Ein schleimiges, doch äußerst leckeres Gesöff. Man redete, trank, die Zeit floss dahin und wir erinnerten uns dann vage, dass wir am nächsten Morgen um halb 4 Uhr früh das Hotel verlassen mussten, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Nach einer bis drei Stunden Schlaf, abhängig vom jeweiligen artigen, schleppten wir uns also in das Taxi und freuten uns auf etwas Ruhe und Entspannung im Flugzeug nach Kolumbien. Als wir in der Lobby ankamen, waren wir schon etwas verspannt: Eine riesige Schlange vor unserem Abfertigungsschalter. Naja, kann passieren, genügend Zeit hatten wir auch eingeplant, also angestellt und durchgehalten. Nach etwa 45 Minuten und einer Fortbewegungsdistanz von etwa 30 Zentimetern wurden uns dann doch etwas mulmig. Alex ging an der Schlange vorbei zum Schalter, um sich die Sache mal näher anzuschauen und kam mit einem wahrhaft fürchterlichen Lächeln zurück: „Der Flug wurde gerade gecancelt. Alle Leute hier versuchen mit anderen, vollen Flugzeugen genau dahin zu kommen, wo wir morgen um 8h morgens einen Auftritt haben“ Strike! Nach weiteren 20 Minuten hektischem „Was machen wir denn jetzt?“ kam unsere Rettung. Und man mag es kaum glauben, doch ich schwöre es ist wahr, unsere Rettung war das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der UN, beziehungsweise eine Mitarbeiterin desselben, die hinter uns in der Schlange stand. Sie hatte keine Lust zu warten, bis sie einen neuen Flug zugelost bekam, sondern ging sich auf eigene Faust einen organisieren. Anne und Alex hängten sich einfach hintendran und wurden vom Fahrtwind ihrer Engagiertheit zu einem Terminal einer anderen Fluggesellschaft gezogen, an der wir uns dann, nach 4 Stunden Wartezeit (Und nur zur Erinnerung: 1-3 Stunden Schlaf) endlich einen Flug nach Medellín organisieren konnten. Über El Salvador. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass dieses Land überhaupt existiert. Allerdings ging dieser Flug erst in ein paar Stunden und mittlerweile waren wir alle WIRKLICH müde. Doch wenn man einfach mal fragt, was zum Geier man denn in der Wartezeit tun soll, dann geben einem die freundlichen Mitarbeiter einfach einen Gutschein für einen Aufenthalt in dem Flughafenhotel. Dort konnten wir dann, TACA sei Dank, endlich ein paar Stunden ausruhen, bevor wir den Flieger bestiegen. Nach dem Umstieg und einem ziemlich unruhigen Flug kamen wir dann um 1 Uhr nachts endlich in Medellín an. Diese Stadt ist ziemlich abgefahren. Mitten in einem Tal gelegen und ringsum von Bergen eingerahmt, ist hier immer Frühling. Es regnet so gut wie jeden Tag, es scheint aber auch jeden Tag die Sonne. Alles ist grün und bergig und feucht. Und noch etwas anderes hat diese Stadt bekannt gemacht. Pablo Escobar hat in den 80er Jahren diese Stadt zu einer der gefährlichsten der Welt gemacht. Doch das ist mittlerweile alles Geschichte. Unser Hotel war wunderschön und wir hatten einen tollen Ausblick über die Skyline. Doch wirklich viel Zeit diese zu genießen hatten wir nicht. Vier Stunden später hielt ein Taxi vor dem Hotel und brachte uns zu einer deutschen Schule in Copacabana wo wir:

1. eine viereinhalb Stunden Fortbildung hielten,

2. eine Improshow vor etwa 200 Schulkindern spielten

und 3. eine K.B.M-Show vorführten.

artige Geschichten spielendDeutsch Copacabana

Von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends waren wir an der wirklich schönen Schule; doch als wir abends ins Hotel zurückkamen waren wir gerädert, aber auch sehr stolz auf uns, denn alles lief wirklich richtig gut! Und so gönnten wir uns im Hotel einen kurzen Besuch im römischen Dampfbad und schlenderten ins Hotelrestaurant. Dort wollte ich mir das typische Nationalgericht bestellen, bandeja paisa. Quasi ein Gemisch aus Bohnen, Speck, Steak, Spiegelei, Kotletts, frittiertem Schweinespeck und einem Hauch Koriander. Es war 10 Uhr abends, ziemlich schwül, ich hatte 3 Stunden geschlafen und 11 Stunden theatrales Remmi-Demmi hinter mir. Der Kellner hat mir wahrscheinlich an diesem Abend das Leben gerettet, denn er weigerte sich schlichtweg meine Bestellung anzunehmen. Ach ja, immer diese Gringos….

Am nächsten Tag hatten wir eine Improshow im Auditorium der Deutschen Schule Medellín. Naja, Auditorium ist vielleicht das falsche Wort, vergleichbar war das Teil so in etwa mit dem Festsaal in der Hofburg. Ich saß im Technikstüberl ganz oben und konnte auf eine Vielzahl von bunten Spots und Verfolgern zurückgreifen, während die anderen drei unten vor etwa 250 Teenagern eine großartige Show ablieferten.

AuditoriumDSC06222

Von da mussten wir uns dann leider gleich auf den Weg zum Flughafen machen, um rechtzeitig in Bogotá anzukommen. Dort landeten wir ein einem großartigen Apartment, mit 4 Schlafzimmer, 6 Bädern und gefühlten 12 Flachbildfernsehern an den Wänden. Doch worüber freut man sich am meisten, wenn man auf Tournee ist? Über die Waschmaschine und den Trockner, die in der Küche bereitstanden. Endlich wieder frische Wäsche! Hier in Bogotá hatten wir einen Auftritt und eine Fortbildung im Goethe-Institut und kurioserweise habe ich dort auch eine alte Freundin aus Segeberg wieder getroffen. Tine arbeitet dort nämlich beim DAAD (wir erinnern uns: Deutscher Akademischer Austauschdienst, nicht zu verwechseln mit dem DaF, Oead, ÖKF, oder PASCH). Doch vor der Improshow hatten wir noch ein paar K.B.M.-Auftritte zu absolvieren. Sowohl in der Las Scalas Schule als im Colegio Andino. Beides Schule, an denen Deutsch unterrichtet wird. Und wir merkten, das wir uns wieder auf 2,600 Metern befanden. So viel rumrennen und dann noch singen…

K.B.M.

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Fortbildung

artige Geschichten

Hier merkte ich auch das erste Mal ein unbestimmtes Kratzen im Hals, das bis zur Aufführung im Goethe immer schlimmer wurde. Eine Mandelentzündung war leider im Anmarsch und brach dann auch aus. Einzelheiten erspare ich euch jetzt, doch lasst euch gesagt sein: Penicillin-Spritzen sind KEIN Spaß, absolut nicht, oh nein. Meine Frage nach dem Erblicken des Mordinstruments: „Doctor, one question: Does this syringe hurt?“ „On a scale from 1 to 10? I’ll say 11! You will scream a lot.“ gefolgt von einem wirklich schadenfrohen Gelächter! Er hatte wohl  nicht so oft Gelegenheit Penicillin-Spritzen zu geben und freute sich über jede Gelegenheit!

Und nun sitzen wir hier am letzen Tag in Bogotá und ich schreibe diese Zeilen. Morgen geht es auf in die zona cafetera wo Alex, Meggi und ich die Osterwoche verbringen werden, während Anne mit einem alten Bekannten die Karibik-Küste bereist. Am Wochenende müssen wir uns dann wieder von Kolumbien verabschieden und auf geht es nach Venezuela.

Seid gespannt!

Hasta luego!

Die Premiere und der Herbst; oder „Im Waschsalon liegt der Hund begraben“

Von Lino

Lang, lang ist’s her, dass unsere geschätzte Leserschaft etwas aus dem fernen Silberlande* erfahren konnte. Doch eure ergebenen artigen waren ausnehmend beschäftigt. Nämlich mit Premieren spielen!! Yeah, wir haben es geschafft und nach drei Wochen intensivster Proben endlich unsere Premiere für K.B.M. – Kleine bunte Männchen an der deutschen Schule Temperley gespielt und gleich danach auch noch an der Pestalozzi Schule Buenos Aires. Doch der Reihe nach:

Ende letzter Woche hatten wir unsere Generalprobe und waren alle sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Ich hatte es endlich geschafft, bei meinem Super-Smash-Hit „Karl der Klarinettenkäfer“ alle Töne zu treffen und mein Männchen war zu einer gleichzeitig angsteinflößenden und bemitleidenswerten Mischung aus Gollum und Steve Urkel geworden, Anne hatte ihre Hip-Hop-Choreo zum „Märchen-Rap“ an den Rand der Perfektion gebracht, Alex hatte sich dermaßen in die Rolle des von bunten Männchen verfolgten Musikers hineingelebt, das Syd Barret dagegen wie der nette Nachbar von nebenan aussehen würde und Meggi hatte Beethovens 9. und 5.  und ein Gedicht, das jeden Beat-Poeten vor Neid erblassen lassen würde, zu einem wahrhaft phantasmagorischen Konglomerat aus Text und Musik verschmolzen. Ähm. Naja, wie gesagt wir waren alle ziemlich zufrieden mit unserer Arbeit. Doch etwas Entscheidendes hat uns jedesmal gefehlt, auch bei der Generalprobe: die Kinder. Es ist und bleibt nun mal ein Kindertheaterstück, und die Interaktion mit ihnen eigentlich das wichtigste Element des ganzen Stückes. Und auch wenn sich Matías, unser Regisseur, und Gaby, unsere Produzentin, alle Mühe gegeben haben, bei den Proben in die Rolle von siebenjährigen Grundschulkindern zu schlüpfen, ist es doch etwas komplett anderes, tatsächlich vor 100 Kindern zu stehen und immer noch alle Töne zu treffen!  Das Wochenende nutzten wir dann auch um uns zu entspannen, auszuschlafen und gestärkt zur ersten Aufführung von K.B.M. an der deutschen Schule Temperley zu erscheinen. Temperley, so viel muss allerdings noch gesagt werden, liegt nicht in Buenos Aires, sondern ist eine eigene Stadt etwa eine Stunde vom Stadtzentrum entfernt. Daher mussten wir auch  um 6:30 Uhr morgens von unserer Wohnung losfahren um rechtzeitig in der Schule zu sein. Dort angekommen wurden wir sofort nett empfangen und haben unsere Technik vorbereitet, uns geschminkt und dann saßen wir voller gespannter Erwartung hinter der Bühne und hörten, wie sich immer mehr Kinderstimmen im Zuschauersaal einfanden.  Die Rektorin kommt zu uns, und sagt wir könnten anfangen. Noch einmal durchatmen und Alex läuft auf die Bühne. Nur Sekunden später geht ein herzhaftes Lachen durch die Reihen der Kinder und wir wissen, wir haben alles richtig gemacht. Sofort löste sich die Anspannung und wich einer gewaltigen Vorfreude auf den eigenen Bühnenauftritt. Und es war richtig gut! Als ich, komplett rot, auf die Bühne gekrabbelt kam, wurde ich sofort als der Leibhaftige identifiziert, Meggi war gleichzeitig eine Hexe und eine Eva und Anne war einfach nur cool! So sahen es auf jeden Fall die Kinder. Ein voller Erfolg, wie uns auch später von den LehrerInnen noch erzählt wurde, die sich alle für unsere Fortbildungen am nächsten Tag in der Schule eingefunden hatten.Fortbildung

Heute kam dann gleich der nächste Auftritt an der Pestalozzi Schule Buenos Aires, bei der wir so gut ankamen, dass uns die Kinder gar nicht mehr gehen lassen wollten und sich kurzerhand an unsere Gliedmaßen gehängt haben und auf uns drauf gekrabbelt sind. Wir freuen uns unglaublich auf die kommenden drei Monate und die vielen Kinder, die wir erschrecken, besingen und verzaubern können! Übrigens ist die Abreise von den Aufführungsorten immer besonders spannend… für die Passanten, denn die Haltbarkeit unserer Schminke auf den Gesichtern stellt selbst das so berühmte 3-Wetter-Taft in den Schatten: Weder Creme, noch Tücher noch eine Käsereibe schaffen es, das Zeug vollständig zu entfernen!

KBM Backstage

Aber wir haben ja auch noch ein Leben neben unserer Arbeit hier. Und da fallen dann so profunde Sachen wie Wäsche waschen ein wenig aus dem Konzept. Obwohl, hier in Bs.As. ist alles irgendwie Theater, auch ein Besuch im Waschsalon. So einen mussten Meggi und ich auf Grund des Fehlens einer Waschmaschine in unserem Appartement dann auch aufsuchen, denn so progressiv wie diese Stadt auch ist, nackt kann man trotzdem nicht Avocados einkaufen gehen. Glücklicherweise befindet sich ein Waschsalon genau gegenüber und so habe wir unsere Wäsche gepackt und sind losgezogen. Empfangen wurden wir vom Besitzer, einem älteren Herren, der zwar nicht sprechen konnte, uns aber mit geschickten Gesten gezeigt hat, wie die Waschmaschinen zu bedienen sind. Begleitet wurde er von einem großen Hund, der grundsätzlich alle Neuankömmlinge erst einmal anbellt und dann feststellt, das sie doch ganz zutraulich sind und sich gerne von ihnen kraulen lässt. Während ich also von den rotierenden Wäschestücken in der Maschine langsam hypnotisiert wurde, lief Meggi kurz hoch, um unsere Unterlagen für die Show am Samstag zu holen, damit wir am Showkonzept noch etwas feilen konnten, während wir warteten. Daher hat sie das folgende leider auch nicht live miterlebt und die werte LeserInnenschaft muss sich auf mein eher dürftiges Spanisch verlassen, wenn ich nun versuche zu beschreiben, was sich zugetragen hat. Plötzlich kam nämlich ein durchgepierctes Hippie-Mädchen in den Waschsalon gelaufen und versuchte den Hund zu stehlen! Offensichtlich war ihr Hirn mit mehreren psychotropen Substanzen angereichert und sie bildete sich ein, der Hund gehöre ihr. Sie hatte allerdings nicht mit dem resoluten Auftreten einer älteren Dame gerechnet, die sie so schnell wieder aus dem Waschsalon befördert hat, dass ich zuerst gar nicht wirklich mitbekommen hatte, was gerade geschehen war. Diese Dame, so hat sie uns anschließend erzählt, kommt nämlich ausschließlich in diesen Waschsalon, weil sie es so schön findet, von dem Hund begrüßt zu werden. Der Hund war also gerettet, die Wäsche zwar nicht wirklich sauber, dafür nass statt trocken, aber immerhin schön parfümiert und wir um die Erfahrung reicher, dass man viel öfter in einen Waschsalon gehen muss.Wäsche Wäsche

Und so genießen wir hier also unsere letzten Tage in dieser chaotischen Stadt und freuen uns, dass der Herbst langsam seine Finger ausstreckt und Buenos Aires von den drückenden Temperaturen der letzten Wochen befreit und die Sonne einen beim Spazierengehen wie warmer Honig umfließt.

Und wir freuen uns auf unsere erste bilinguale Improshow am Samstag, die große Verabschiedungsparty in Alex Wohnung, unseren Kurzurlaub in Monte Hermoso nächste Woche und auf alles, was uns diese Tournee noch zeigen wird. Freut euch schon auf unseren nächsten Eintrag!

Hasta luego…

*Argentum: chem. Bezeichnung für Silber -> Argentinien, so genannt wegen der vielen Silberfunde zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft.

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