Archiv der Kategorie: Guatemala

Don’t Fear The Reaper

Von Lino

Neun Tage Guatemala City. Neun Tage, in denen so viel unterschiedliche Dinge passiert sind, das es schwierig ist, sie alle in einem Eintrag thematisch zusammenzufassen. Aber hey, machen wir es einfach chronologisch, let’s see what happens.

Als wir aus El Salvador aufbrachen, uns in den Bus setzten und die etwa 4 Stunden lange fahrt nach Guate City begann, war uns etwas mulmig zumute. Immer wieder wenn wir erzählten, dass unsere nächste Station die Hauptstadt Guatemalas sein würde, kamen nicht gerade erbauliche Kommentare der Sorte: „Na hoffentlich ist euer Hotel schön, rausgehen könnt ihr ja nicht, viel zu gefährlich.“ Mittlerweile waren wir aber schon seit zwei Wochen in Zentralamerika unterwegs, haben Tegucigalpa überlebt (obwohl ein gewisser Pudel kurz davor war, das Zeitliche zu segnen, aber lassen wir das), und San Salvador war überraschend sicher und offen. Trotzdem, die Mulmigkeit war da, allen bisherigen Erfahrungen zum Trotz.

Der Grenzübergang zwischen El Salvador und Guatemala war zumindest schon einmal der seltsamste auf dieser Reise: Etwa 100 Meter vor der Grenze stoppte der Bus und wir alle mussten aussteigen, zu Fuß zum Grenzposten laufen, unseren Stempel abholen und wieder zurück zum Bus gehen. Dieser Gang wurde flankiert von Straßenständen und -händlern aller Couleur. Der herausragendste jedoch war ein CD-Händler, der mit seinen selbst gebrannten Platten und einer abenteuerlich zusammengebastelten Sound-Anlange die Grenze unter dem Motto „Die größten Hits der 80er, 90er und das Beste von heute!“ beschallte. Und als wir die staubige Straße zurück zum Bus gingen, während die Sonne heiß und erbarmungslos auf uns niederschien, kam er auf die Idee in ohrenbetäubender Lautstärke „Eye of the Tiger“ zu spielen. Sofort bewegten wir uns in slow motion und machten dies zum wohl lässigsten Grenzübergang ever! DSC04062Und als wir uns gerade wirklich fühlten, als wären wir der Cast eines Tarantino-Films, kam eben das, was bei Tarantino nach einer lässigen Szene kommt: die Gewalt. Nach weiteren zwei Stunden waren wir endlich da, wurden abgeholt wurden und saßen gerade einmal fünf Minuten im Auto, da kamen wir in einen Stau. „Ach, da ist wohl schon wieder jemand erschossen worden“, kam es von Claus, der uns fuhr und schon lange hier lebt. Und als wir langsam an der Polizeisperre vorbeirollten konnte man noch einen Mann unter einem  Tuch erkennen. Und eine Menge Blut. Keine 500 Meter weiter sah ich aus dem Autofenster wie ein Mann auf dem Bürgersteig einem anderen Mann eine Pistole an den Kopf hielt und ihn ausraubte, während eine Frau mit Kind seelenruhig an den beiden vorüberging. Ähm, können wir statt Tarantino bitte doch lieber, ich weiß nicht, Til Schwaiger, haben?

Mehr Facts über Guatemala City gefällig? Die Stadt besteht aus 25 Zonen, in etwa so wie Wien in Bezirke eingeteilt ist. Einige Zonen sind No-Go-Areas, andere sind relativ sicher. Es werden pro Tag (!) etwa 500 Handys gestohlen. Dies geschieht, indem einfach auf der Straße eine wartende Autoschlange abgegangen wird, man kurz ans Fenster klopft, seine Pistole herzeigt, Handy und Geldbörse entgegennimmt und zum nächsten Auto weitergeht. Zur Grundausstattung eines guatemaltekischen Autos gehört ein altes Handy und eine Geldbörse mit etwas Kleingeld im Fach der Fahrertür, welche herausgegeben werden, sollte man mal wieder im Stau stehen. Und am Horizont die vielen immer noch aktiven Vulkane, keine 15 Kilometer von der Stadt entfernt.DSC04034Unser Hotel befindet sich in der Zone 1, also der Altstadt, in der aufgrund der Sicherheitslage so gut wie niemand mehr wohnt. Doch zu unserer Überraschung laufen unfassbar viele Menschen einfach auf der Straße rum. Lächeln. Machen Musik. Geben den Myriaden von Straßenkünstlern Geld oder Applaus. Sitzen herum und schlecken Eis oder knabbern Mangos. Äh, hallo? Es ist doch gefährlich hier… oder? „Na und“, scheinen die Leute sagen zu wollen, „das Wetter ist trotzdem schön und ich hab Lust auf ein Eis mit Mangostückchen!“ Es gilt halt auch hier: Der falsche Ort, zur falschen Zeit, und du hast Pech. Aber die anderen 99 Male ist diese Stadt wirklich sehr faszinierend!

Unsere Arbeit umfasste diesmal Workshops sowohl in der Deutschen Schule, im Instituto Alemán und auch – Trommelwirbel – in der österreichsichen Schule. Es ist schon ein sehr verwirrendes Gefühl wenn man, nach einem Frühstück, das aus frittiertem Bohnenmus mit Bananen besteht, eine staubige und gewundene Straße zu einer Schule fährt, die bewacht von Männern in Uniform mit Pumpguns und Pistolen eher einer Festung gleicht, und dort von einem Lehrer mit den Worten empfangen wird: „Grüß Gott, ich bin der Herr Magister, möchten’S vielleicht an Kaffee bevor Sie unsere Schüler kennenlernen? Da Herr Direktor kommt auch gleich und wird Sie a bisserl rumführn.“ DSC04059Es war eine tolle Arbeit an allen Schulen und am Institut, mit viel Theater und Musik und ein wenig Schmäh. Auch mit der Anzahl der Shows hat Guatemala bisher eine Spitzenposition bei unserer Reise inne: drei Shows, davon eine im Club Alemán, eine in einer Schule für Kinder in einem Armenviertel, unserem jüngstem Publikum bisher auf dieser Reise, für die eine Theateraufführung etwas ganz besonders ist (und dann noch eine, wo sie entscheiden können, was auf der Bühne passiert!).DSC04259Und zu guter Letzt eine mit unseren neuen Freunden, den Impronunciables. Sie sind die einzige Impro-Gruppe Guatemalas und spielen gerade wöchentlich ein Format namens Luces, Cámara ¡IMPRO!, ein improvisiertes Kurzfilm-Festival. Nach einem gemeinsamen Training luden sie uns ein, doch den Beitrag für den ausländischen Film zu improvisieren. Es war eine tolle Show und eine geniale Woche mit euch. Vielen, vielen Dank!DSC04196Ein Wort noch zu unserem Hotel, dem Pan American: Vor ungefähr 60 Jahren war es das beste und größte Hotel Guatemalas, in dem Botschafter ihre reichen Freunde unterbrachten und Bananenplantagen-Besitzer in vollem Luxus hausten. Doch die Stadt hat sich verändert und ist modern geworden, Handys, Flachbildschirme und Internet haben Einzug gehalten in die Welt. Doch nicht im Pan American! Hier hat man das Gefühl, wenn man in der Hotel-Lobby sitzt, könnte jeden Moment Hemingway auf einen Abstecher vorbeischauen, um einen Cuba Libre zu trinken. Der Fernseher braucht etwa 3 Minuten zum vorglühen, das Badezimmer ist ein Traum aus Messing und Porzellan und wenn man nach 11 Uhr abends noch ins Hotel will, bekommt man sehr böse Blicke zugeworfen. Eben richtig alte Schule, höchst sympathisch! Da die Lobby auch der einzige Ort im Hotel ist, an dem man eine vernüftige Internetverbindung bekommt, fräßt sich die tägliche Marimbamusik sowie die Panflötenversionen berühmter Klassiker der Filmgeschichte unaufhaltbar in den Schädel. (Gerade jetzt: „Tears in Heaven“ in einer Version mit 3 Panflöten und einem Pornofilm-Synthesizer.)

Aber der Kaffee ist lecker und die Menschen nett. Und so sitz ich hier, schreibe die letzten Zeilen dieses Eintrags und freu mich bereits auf Mexiko, unserem letzten Land dieser Tournee. Drei Städte in drei Wochen haben wir noch vor uns – genug Zeit also, dass Montezumas Rache* mal wieder einen von uns für die Sünden der spanischen Eroberer büßen lässt.

Hasta luego!

* Da die Eroberung Tenochtitláns, bei der Montezuma schließlich starb, dadurch begünstigt wurde, dass viele Eingeborene an der von den Europäern eingeschleppten Pockenkrankheit erkrankt waren und Montezuma einer Legende zufolge kurz vor seinem Tod einen Fluch ausgesprochen haben soll, alle Eindringlinge in seinem Land würden seine Rache zu spüren bekommen, spricht man bei dem Durchfall, an dem viele Touristen in Mittelamerika reisebedingt erkranken, in solchen Fällen (scherzhaft) von „Montezumas Rache“. (Quelle: Wikipedia)

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