Die Premiere und der Herbst; oder „Im Waschsalon liegt der Hund begraben“

Von Lino

Lang, lang ist’s her, dass unsere geschätzte Leserschaft etwas aus dem fernen Silberlande* erfahren konnte. Doch eure ergebenen artigen waren ausnehmend beschäftigt. Nämlich mit Premieren spielen!! Yeah, wir haben es geschafft und nach drei Wochen intensivster Proben endlich unsere Premiere für K.B.M. – Kleine bunte Männchen an der deutschen Schule Temperley gespielt und gleich danach auch noch an der Pestalozzi Schule Buenos Aires. Doch der Reihe nach:

Ende letzter Woche hatten wir unsere Generalprobe und waren alle sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Ich hatte es endlich geschafft, bei meinem Super-Smash-Hit „Karl der Klarinettenkäfer“ alle Töne zu treffen und mein Männchen war zu einer gleichzeitig angsteinflößenden und bemitleidenswerten Mischung aus Gollum und Steve Urkel geworden, Anne hatte ihre Hip-Hop-Choreo zum „Märchen-Rap“ an den Rand der Perfektion gebracht, Alex hatte sich dermaßen in die Rolle des von bunten Männchen verfolgten Musikers hineingelebt, das Syd Barret dagegen wie der nette Nachbar von nebenan aussehen würde und Meggi hatte Beethovens 9. und 5.  und ein Gedicht, das jeden Beat-Poeten vor Neid erblassen lassen würde, zu einem wahrhaft phantasmagorischen Konglomerat aus Text und Musik verschmolzen. Ähm. Naja, wie gesagt wir waren alle ziemlich zufrieden mit unserer Arbeit. Doch etwas Entscheidendes hat uns jedesmal gefehlt, auch bei der Generalprobe: die Kinder. Es ist und bleibt nun mal ein Kindertheaterstück, und die Interaktion mit ihnen eigentlich das wichtigste Element des ganzen Stückes. Und auch wenn sich Matías, unser Regisseur, und Gaby, unsere Produzentin, alle Mühe gegeben haben, bei den Proben in die Rolle von siebenjährigen Grundschulkindern zu schlüpfen, ist es doch etwas komplett anderes, tatsächlich vor 100 Kindern zu stehen und immer noch alle Töne zu treffen!  Das Wochenende nutzten wir dann auch um uns zu entspannen, auszuschlafen und gestärkt zur ersten Aufführung von K.B.M. an der deutschen Schule Temperley zu erscheinen. Temperley, so viel muss allerdings noch gesagt werden, liegt nicht in Buenos Aires, sondern ist eine eigene Stadt etwa eine Stunde vom Stadtzentrum entfernt. Daher mussten wir auch  um 6:30 Uhr morgens von unserer Wohnung losfahren um rechtzeitig in der Schule zu sein. Dort angekommen wurden wir sofort nett empfangen und haben unsere Technik vorbereitet, uns geschminkt und dann saßen wir voller gespannter Erwartung hinter der Bühne und hörten, wie sich immer mehr Kinderstimmen im Zuschauersaal einfanden.  Die Rektorin kommt zu uns, und sagt wir könnten anfangen. Noch einmal durchatmen und Alex läuft auf die Bühne. Nur Sekunden später geht ein herzhaftes Lachen durch die Reihen der Kinder und wir wissen, wir haben alles richtig gemacht. Sofort löste sich die Anspannung und wich einer gewaltigen Vorfreude auf den eigenen Bühnenauftritt. Und es war richtig gut! Als ich, komplett rot, auf die Bühne gekrabbelt kam, wurde ich sofort als der Leibhaftige identifiziert, Meggi war gleichzeitig eine Hexe und eine Eva und Anne war einfach nur cool! So sahen es auf jeden Fall die Kinder. Ein voller Erfolg, wie uns auch später von den LehrerInnen noch erzählt wurde, die sich alle für unsere Fortbildungen am nächsten Tag in der Schule eingefunden hatten.Fortbildung

Heute kam dann gleich der nächste Auftritt an der Pestalozzi Schule Buenos Aires, bei der wir so gut ankamen, dass uns die Kinder gar nicht mehr gehen lassen wollten und sich kurzerhand an unsere Gliedmaßen gehängt haben und auf uns drauf gekrabbelt sind. Wir freuen uns unglaublich auf die kommenden drei Monate und die vielen Kinder, die wir erschrecken, besingen und verzaubern können! Übrigens ist die Abreise von den Aufführungsorten immer besonders spannend… für die Passanten, denn die Haltbarkeit unserer Schminke auf den Gesichtern stellt selbst das so berühmte 3-Wetter-Taft in den Schatten: Weder Creme, noch Tücher noch eine Käsereibe schaffen es, das Zeug vollständig zu entfernen!

KBM Backstage

Aber wir haben ja auch noch ein Leben neben unserer Arbeit hier. Und da fallen dann so profunde Sachen wie Wäsche waschen ein wenig aus dem Konzept. Obwohl, hier in Bs.As. ist alles irgendwie Theater, auch ein Besuch im Waschsalon. So einen mussten Meggi und ich auf Grund des Fehlens einer Waschmaschine in unserem Appartement dann auch aufsuchen, denn so progressiv wie diese Stadt auch ist, nackt kann man trotzdem nicht Avocados einkaufen gehen. Glücklicherweise befindet sich ein Waschsalon genau gegenüber und so habe wir unsere Wäsche gepackt und sind losgezogen. Empfangen wurden wir vom Besitzer, einem älteren Herren, der zwar nicht sprechen konnte, uns aber mit geschickten Gesten gezeigt hat, wie die Waschmaschinen zu bedienen sind. Begleitet wurde er von einem großen Hund, der grundsätzlich alle Neuankömmlinge erst einmal anbellt und dann feststellt, das sie doch ganz zutraulich sind und sich gerne von ihnen kraulen lässt. Während ich also von den rotierenden Wäschestücken in der Maschine langsam hypnotisiert wurde, lief Meggi kurz hoch, um unsere Unterlagen für die Show am Samstag zu holen, damit wir am Showkonzept noch etwas feilen konnten, während wir warteten. Daher hat sie das folgende leider auch nicht live miterlebt und die werte LeserInnenschaft muss sich auf mein eher dürftiges Spanisch verlassen, wenn ich nun versuche zu beschreiben, was sich zugetragen hat. Plötzlich kam nämlich ein durchgepierctes Hippie-Mädchen in den Waschsalon gelaufen und versuchte den Hund zu stehlen! Offensichtlich war ihr Hirn mit mehreren psychotropen Substanzen angereichert und sie bildete sich ein, der Hund gehöre ihr. Sie hatte allerdings nicht mit dem resoluten Auftreten einer älteren Dame gerechnet, die sie so schnell wieder aus dem Waschsalon befördert hat, dass ich zuerst gar nicht wirklich mitbekommen hatte, was gerade geschehen war. Diese Dame, so hat sie uns anschließend erzählt, kommt nämlich ausschließlich in diesen Waschsalon, weil sie es so schön findet, von dem Hund begrüßt zu werden. Der Hund war also gerettet, die Wäsche zwar nicht wirklich sauber, dafür nass statt trocken, aber immerhin schön parfümiert und wir um die Erfahrung reicher, dass man viel öfter in einen Waschsalon gehen muss.Wäsche Wäsche

Und so genießen wir hier also unsere letzten Tage in dieser chaotischen Stadt und freuen uns, dass der Herbst langsam seine Finger ausstreckt und Buenos Aires von den drückenden Temperaturen der letzten Wochen befreit und die Sonne einen beim Spazierengehen wie warmer Honig umfließt.

Und wir freuen uns auf unsere erste bilinguale Improshow am Samstag, die große Verabschiedungsparty in Alex Wohnung, unseren Kurzurlaub in Monte Hermoso nächste Woche und auf alles, was uns diese Tournee noch zeigen wird. Freut euch schon auf unseren nächsten Eintrag!

Hasta luego…

*Argentum: chem. Bezeichnung für Silber -> Argentinien, so genannt wegen der vielen Silberfunde zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft.

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